Reportage · Schulentwicklung

Wer trägt das weiter?

Warum der eigentliche Hebel nicht der eine gute Tag ist, sondern die Frage, wer ihn danach weiterträgt — Bericht aus einer Gesamtschule in Duisburg.

Eckdaten

  • Schule: Gesamtschule in Duisburg (Sekundarstufe I)
  • Kollegium: rund 60 Lehrkräfte
  • Ausgangslage: engagiertes Kollegium, wiederkehrende Impulse — die aber versanden
  • Format: Prozessbegleitung über ein Schulhalbjahr (nicht ein Einzeltag)
  • Fokus: Struktur, Mandat, Nachhaltigkeit
  • Moderation: Moderationsteam

Anonymisiert und verdichtet, mit Einverständnis der Schule. Orte und Merkmale sind verändert — die Darstellung lässt keinen Rückschluss auf konkrete Personen oder Schulen zu.

Worum es geht: Diese Reportage zeigt keine Schule im Vorher-Nachher, sondern wie aus einem Impuls eine tragende Struktur wird — und warum genau das über Erfolg oder Versanden entscheidet. Damit Sie einschätzen können, was ein solcher Prozess an Ihrer Schule bräuchte, um zu bleiben.

Die Schule, die uns anfragt, hat kein Motivationsproblem. Im Gegenteil: Es gab einen guten pädagogischen Tag zu Inklusion, es gab Aufbruch, es gab Ideen. Ein halbes Jahr später ist davon wenig übrig. „Wir hatten das Gefühl, wir fangen jedes Mal wieder bei null an“, sagt die Schulleiterin im Erstgespräch. Das ist der eigentliche Auftrag — nicht ein weiterer guter Tag, sondern die Frage: Wer trägt das weiter, wenn der Applaus verklungen ist?

Die Auslösung: Warum Impulse versanden

Wir beginnen nicht mit einer Methode, sondern mit einer ehrlichen Rekonstruktion. Was ist mit den Ideen vom letzten Mal passiert? Die Antworten ähneln sich an vielen Schulen: Es gab keine Zuständigkeit. Es gab keinen Ort, an dem die Fäden zusammenliefen. Und es gab niemanden mit dem Mandat, dranzubleiben, ohne sich dabei aufzureiben.

Das ist kein Versagen des Kollegiums. Es ist ein Strukturproblem. Engagement allein erzeugt keine Kontinuität — es braucht ein Gremium, das den Prozess hält.

Der Blick vorher

Wir brauchen mehr Motivation und noch einen guten Tag.

Der Blick danach

Wir brauchen eine Struktur, die das Engagement trägt, das längst da ist.

Die Steuergruppe: Ein Mandat, kein Ehrenamt

Der Kern unserer Arbeit hier ist der Aufbau einer Steuergruppe mit echtem Mandat. Das ist mehr als eine Arbeitsgruppe. Eine Steuergruppe hat einen Auftrag der Schulleitung, zeitliche Ressourcen und die Legitimation, im Namen der Schulentwicklung zu handeln — sie ist der Motor im Zusammenspiel von Organisations-, Unterrichts- und Personalentwicklung.¹

Wir moderieren die Gründung so, dass drei Dinge von Anfang an stimmen: Die Gruppe ist repräsentativ (nicht nur die ohnehin Aktiven), sie hat ein schriftliches Mandat (Aufgaben, Ressourcen, Entscheidungsräume), und ihre Arbeit ist transparent für das ganze Kollegium. Ohne Transparenz kippt eine Steuergruppe schnell in den Verdacht, ein Zirkel zu sein.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass eine Idee nicht bei mir persönlich hängenbleibt, sondern dass es einen Ort gibt, der sie weiterträgt. — Mitglied der Steuergruppe

Verbesserung als Handwerk: kleine Schleifen statt großer Würfe

Statt eines großen Plans arbeiten wir mit der Steuergruppe in kurzen Schleifen: eine Sache erproben, beobachten, anpassen — und nach einigen Wochen prüfen, was geblieben ist. Diese iterative Haltung stammt aus der Verbesserungsforschung: nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch den perfekten Entwurf, sondern durch das disziplinierte Lernen an kleinen Zyklen.²

Konkret heißt das: Die Steuergruppe wählt ein Thema — hier die Übergänge zwischen den Stunden, an denen sich Konflikte häuften — und probiert eine Veränderung, statt fünf gleichzeitig anzugehen.

Woher diese Beobachtung stammt: Die folgende Zahl ist kein externer Studienwert, sondern eine typisierte, anonymisierte Rückmeldung aus der Prozessbegleitung selbst — erhoben in der Steuergruppe, verändert, damit kein Rückschluss möglich ist.

Von den Vorhaben, die die Schule im Jahr zuvor ohne tragende Struktur angestoßen hatte, lief nach sechs Monaten faktisch keines mehr. Nach dem Aufbau der Steuergruppe waren es von drei bewusst klein gehaltenen Vorhaben noch alle drei aktiv. Der Unterschied liegt nicht an besseren Ideen — sondern daran, dass jemand mit Mandat sie weitertrug. Wie bei einem Staffellauf: Nicht die Schnelligkeit einzelner entscheidet, sondern ob der Stab übergeben wird.

Die Methodik — was das Moderationsteam getan hat

  • Rekonstruktion statt Neustart: sichtbar machen, warum frühere Impulse versandet sind
  • Steuergruppe mit schriftlichem Mandat aufbauen — repräsentativ, ressourciert, legitimiert
  • Transparenz ins Kollegium: die Gruppe arbeitet sichtbar, nicht im Verborgenen
  • Kleine Erprobungszyklen moderieren statt großer Pläne
  • Nachfolgegespräch nach sechs Monaten fest verabreden — die Struktur prüft sich selbst

Was das für Ihre Schule heißt

Wenn an Ihrer Schule gute Impulse regelmäßig versanden, liegt das selten an zu wenig Engagement — sondern an einer fehlenden Struktur, die es trägt. Der Hebel ist nicht der nächste pädagogische Tag, sondern die Frage, wer danach das Mandat hat, dranzubleiben.

Unsere Rolle ist dabei die des Moderationsteams: Wir bringen den Prozess in Gang und ziehen uns zurück, sobald die Steuergruppe selbst trägt. Ziel ist nicht unsere Anwesenheit, sondern Ihre Unabhängigkeit von ihr.

Anonymisiert und verdichtet; Kennzahlen typisiert. Die Darstellung dient der Veranschaulichung der moderativen Arbeit.

Quellen

Belege zu den fachlichen Bezügen dieser Reportage — nach den Originalausgaben.

  1. Rolff, Hans-Günter: Schulentwicklung kompakt. Modelle, Instrumente, Perspektiven. Beltz, Weinheim/Basel 2013 — Steuergruppen im Drei-Wege-Modell.
  2. Bryk, Anthony S. / Gomez, Louis M. / Grunow, Alicia / LeMahieu, Paul G.: Learning to Improve. How America’s Schools Can Get Better at Getting Better. Harvard Education Press, Cambridge (MA) 2015.